Dialog in der Kirche

folie
Abstand
Ein Dialog in der Kirche
Diesen Dialog von mir haben wir gestern aufgeführt, beim GoSpecial „Abstand“ in der Kirche Allerheiligen Zürich.

 

(Abstand als Wort)

A: Abstand. Das ist ein ziemlich grosses Wort.

B: Also im Grunde sind es nur sieben Buchstaben und zwei Silben. AB-STAND.

A: Aber es wird ziemlich gross geschrieben.

B zeigt auf ein Bild, das an die Wand gebeamt ist und auf dem ABSTAND steht: Ja. In Kapitälchen. Also in Grossbuchstaben. Abstand ist eben wichtig.

A: Naja, kommt auf den Abstand an.

B: Ich dachte mal an zwei Meter. Das ist doch das Gebot der Stunde.

A entrüstet: Gebot der Stunde! Seit Mitte März?

 

(Corona-Zehn-Gebote)

B: Also gut, eher das Gebot unserer Zeit. Das erste Corona-Gebot.

A bedächtig: Du sollst keine anderen Menschen neben dir haben?

B: Zumindest nicht mit weniger als zwei Meter Abstand!

A: Was wäre dann das zweite Gebot?

B: Du sollst dir kein Bild machen. Also so viel Abstand halten, dass du ohne Zoom kein gutes Foto hinkriegst.

A: Aha. Und das Dritte?

B: Was denkst du?

A fragend: Halte den Abstand am Sonntag heilig?

B: Genau. Und da wir alle ganz offiziell von dieser Sonntagspflicht dispensiert sind: Stay sonntags at home!

A: Mit Abstand.

B: Das vierte Gebot – kannst du dir denken – sagt dann, warum wir das alles machen. Wegen Vater und Mutter, Oma und Opa, Uroma und allen anderen über 65 oder mit Vorerkrankung. Damit sie noch lange leben!

A: Und das fünfte Gebot? Jetzt bin ich gespannt …

B: Abstand halten – beim Sex.

Die nächsten Wortwechsel gehen Schlag auf Schlag.

A: Und das sechste?

B: Abstand halten beim Einkaufen.

A: Und das siebte?

B: Nicht nur sagen, dass du Abstand hältst. Tus auch!

A: Und das achte?

B: Abstand halten.

A: Und das neunte?

B: Abendhalten.

A: Und das zehnte?

B: Naja, mit deinem Schnüügel darfst du schon schmussen. Ob Katzen und Hunde auch Corona übertragen, ist nicht sicher.

A erleichtert: Gott sei dank.

B: Und das elfte?

A nach einigen Nachdenken, fragend: Du sollst dich nicht erwischen lassen??

B: Ja genau. Verantwortungsbewusst Abstand halten. Mindestens zwei Meter.

 

(Wie viel ist zwei Meter)

A: Wie viel ist das eigentlich, zwei Meter?

B klappt einen Zollstock aus: So viel.

A: Das ist viel.

B: Oder, wenn Du jetzt direkt vor einem Smily sitzt, dann sind es genau zwei Meter bis zum nächsten Smily neben Dir. (In der Kirche Allerheiligen Zürich sind die Plätze, an die sich die Gottesdienstteilnehmenden setzen sollen, durch einen Smily gekennzeichnet.)

A: Soll ich den Smily dann anlächeln?

B: Ja klar. Oder die Person, die direkt vor den nächsten Smily sitzt.

A: Lächeln ist ja nicht ansteckend. Zumindest verbreitet es kein Corona.

B hat den Zollstock wieder halb eingeklappt: Übrigens, kommt es dir auch so vor, das zwei Meter in letzter Zeit gar nicht mehr so viel sind?

A: Mittlerweile gilt ja auch, dass wir Abstand halten dürfen. Nicht mehr müssen.

B: Oder um es biblisch zu sagen: du sollst!

 

(Gott im Himmel, Jesus, und das Heilig-Geist-Virus)

A: Wie ist das eigentlich sonst, mit dem Abstand und Gott? Zum Beispiel beim Beten?

B: Da überlegen wir wie immer zuerst, was denn steht in der Bibel. Was hat uns Jesus gelehrt? Wie sollen wir beten?

A fragend: Vater unser im Himmel?

B: Genau! Wenn jemand wirklich Experte im Abstand halten, ist dann ist es Gottvater. Im Himmel! Mehr Abstand zwischen unserem Vater und uns, das geht kaum. Auch in der Lesung haben wir gehört: Mose stieg zu Gott auf den Berg, und Gott rief ihm vom Berg her zu. Immer alles mit Abstand. (Ex 19,3; 1. Lesung zum 11. Sonntag im Jahreskreis A)

A: Aber Gott ist trotzdem nahe?

B sinnierend: Gott ist zwar unser Vater im Himmel. Aber er ist dir trotzdem näher, als du dir jemals selbst nahe sein kannst.

A: Verstehe ich.<

B: Wirklich? Das ist das Geheimnis Gottes. – Bloss bitte nicht so machen wie Jesus mit den Jüngern.

A: Wieso?

B: Naja, der Evangelist Johannes schreibt: Dann hauchte er sie an (Joh 20,22).

A: Gehts noch! Ohne Schutzmaske?

B: Was denkst du denn. Die Schutzmasken kommen aus China, das war damals noch eine halbe Weltreise.

A: Da hätte ja alles passieren können. So epidemiologisch.

B: Ist es genau genommen auch. Dann hauchte er sie an und sagte: empfangt den Heiligen Geist. Und fortan waren die Jüngerinnen und Jünger mit dem Heiligen Geist infiziert wie mit einem Virus. Und statt sich brav in Quarantäne zu begeben, sind sie raus auf die Strassen zu den Menschen, und sogar in andere Städte, und schwups verbreitete sich dieser Heiliger-Geist-Virus im ganzen Römischen Reich und bis an die Grenzen der Erde.

A: Gar nicht so schlecht. Da war das ja richtig gut, dass Jesus keine Schutzmaske auf hatte!

B: Ja, und wie wir heute im Evangelium gehört haben, gingen die Jüngerinnen und Jünger nicht nur mit einem Heiliger-Geist-Virus los, sondern auch mit einem Auftrag (Mt 9,7-8, Evangelium vom 11. Sonntag im Jahreskreis A): Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, treibt Dämonen aus!

A: Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Alles umsonst.

B: Genau wie heute. Beim Empfangen und beim Geben: Haltet weiterhin Abstand. Sonst war alles umsonst. Sonst kommt die zweite Welle.

 

(Abstand zwischen den Wörtern)

A sehr schnell: Das ist mir egal. Ich bleib so wie ich bin, auch mit Abstand.

B nachfragend: Das war mir jetzt zu schnell. Du bleibst was?

A schnell: Ich bleib so wie ich bin, auch mit Abstand.

B leicht iritiert: Also nochmal ganz langsam. So mit Abstand zwischen den Wörtern, bitte.

A: Ich

Kurze Pause, bzw ab hier ein klarer, abstandsbetonter Rhythmus zwischen den Einsätzen; ein Ping-pong der Silben.

B: bleib

A: so

B: wie

A: ich

B: bin,

A: auch

B: mit

A: Ab

B: stand.

A: Du

B: bleibst

A: so

B: wie

A: Du

B: bist,

A: auch

B: mit

A: Ab

B: stand.

A: Er sie es

B: bleibt

A: so

B: wie

A: er sie es

B: ist

A: auch

B: mit

A: Ab

B: stand.

A und B gemeinsam, langsam, also im bisherigen Rhythmus: Wir bleiben so wie wir sind, auch mit Ab-stand. Amen.

#CoronaEremit

10 Tage nach unserer Online-Lesung „was wir nicht vermisst haben“ reiche ich Euch gern noch dieses Gedicht nach. In mittlerweile acht Wochen Ausnahme-Zustand haben wir ja gelernt, dass dieser Zustand auch immer Entwicklung, Suchbewegung ist. Mir hilft es, mich von einem festen Fundament aus auf dieses Neue und Alte einzulassen.

Corona-Eremit

Zuhause
in den engen vier Wänden
zwischen Küche und Bett

tagaus tagein
der selbe Lebenstakt
aus Essen und Singen, dem Anzünden einer Kerze

nur in Gedanken
feire ich Begegnung,
fürchte ich mich nicht

nur in Gedanken
gilt die alte Freiheit
mit Wegen durch Wiesen und Felder, die Gärten und den Wald

in engem Raum
klingt mein Lied
gleich nach Lob und Klage

meine Stimme sucht
die Verbindung zum wir
vibrierend geistvoll

Tobias Grimbacher, April 2020

Wir bleiben zuhause

Aus aktuellem Anlass publiziere ich hier gern mal wieder ein kleines Gedicht von mir. Bleibt zuhause – und vor allem bleibt gesund!

Wir bleiben zuhause

wir bleiben also
wie wir sind
genauso mutig
genauso selbstvergessen

wir lauschen dem frühen Vogelkonzert
hangeln uns sonst durch die Netzwerke
auf der Suche nach Meinung und Widerspruch
stummen Worten und Alternativlosigkeit

wir zünden eine Kerze an
wärmen uns am Licht
wir bleiben genauso
nur immer zuhause

Tobias Grimbacher, im März 2020